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Gertrud
Lorenz - ein Vorbild für unsere Arbeit
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Endlich habe ich es geschafft Frau Lorenz kennen zu
lernen. Immer wieder war mir ihr Name bei meiner Arbeit mit
Familien, in der ein Kind mit einer Behinderung lebt,
begegnet. Ich treffe die Neunundsiebzigjährige in ihrer
Wohnung in Stuttgart. Als wir im Wohnzimmer sitzen fällt mir
ein sonderbar verformtes Weinglas auf. Später erzählt sie, dass dieses
Glas den Bombenangriff auf Stuttgart überstanden
hat. Im Keller ihres Hauses hätte es in der Feuersglut unterm
Schutt diese Form angenommen. Im Gespräch mit ihr wird mir
deutlich, dass Frau Lorenz unendlich viel erlebt hat. Sie
musste sich immer wieder neuen Herausforderungen stellen
und sie meistern. Dies spürt man und dies macht sie so glaubwürdig,
bei dem was sie sagt |

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Die Geburt ihres Sohnes , der mit Down
Syndrom zur Welt kam, veränderte ihr Leben in einer beeindruckenden
Weise. Zunächst war sie noch als Friseurmeisterin tätig. Doch die
besonderen Einfälle ihres Sohnes führten dazu, dass sie 1968 den
eigenen Friseursalon verkaufte, um mehr Zeit für die Familie zu
haben. Der Auslöser für diese Entscheidung war ein Erlebnis, an
dass sie sichnoch gut erinnern kann. Während sie bei der
Arbeit im Laden war, stieg ihr Sohn mit seinem kleinen Laster an der
Leine in eine Straßenbahn und fuhr davon. Nachdem sie endlich die
Bahn nach einer Verfolgung mit dem Auto stoppen konnte, war ihr
Sohn bereits ausgestiegen. Später erfuhr sie, dass er nur eine
Haltestelle weit gefahren war, um von dort in aller Ruhe nach Hause
zurück zu kehren.
Mit der „neuen“ Zeit konnte sie sich nun
mehr um ihren Sohn kümmern. Dabei fing sie auch an, die religiöse
Erziehung in den Blick zu nehmen. Sie bereitete ihren Sohn auf die
Erstkommunion vor. Durch eine Reihe von Zufällen wurde sie damit beauftragt im
schulischen Rahmen Kinder auf Erstkommunion und Firmung
vorzubereiten. Den Großteil dieser Arbeit machte sie ehrenamtlich.
Mit dem Würzburger Fernkurs qualifizierte sie sich weiter für
diese Aufgabe und den Religionsunterricht. Dieses Studium begann sie
mit 45 Jahren zum Entsetzen
ihrer Mannes, der zunächst nicht verstehen konnte, wieso sie das
alles mache. Die Art und Weise ihrer Glaubensvermittlung Anfang
der siebziger Jahre, muss für damalige Verhältnisse revolutionär gewesen
sein. In vielem war sie eine Pionierin. So vereinfachte sie
Evangelientexte und komponierte einfache Lieder, die zu einem ihrer
Markenzeichen in Unterricht und Gottesdienst wurden. Nach und nach
wurden ihre Lieder und Texte zu Gottesdiensten und zur religiösen
Erziehung von geistig Behinderten in vielen Büchern
veröffentlicht.
Immer öfter hielt sie
Referate über ihre Arbeit,
z.B. wie sie mit behinderten Kindern betet, biblische Geschichten
durch Singen und Spielen erarbeitet und sie auf die
Erstkommunion vorbereitet. So machte sie Eltern,
aber auch Pfarrern und Katecheten Mut, religiöse Inhalte in
einfacher , jedoch nicht kindlicher Weise anzubieten. Sie regte
Pfarrer und Kirchengemeinden an, betroffenen Familien mit ihren Kindern
offen zu begegnen und Kontakt zu ihnen aufzunehmen. "Im Miteinander"
sagt sie ergaben sich
immer wieder Sternstunden und Erlebnisse, die sie und die Zuhörer tief
berührten
und Kraft fürs Leben gaben.
Eine Frau Lorenz tief
bewegende Frage einer Mutter lautete: "Wie kann
man glauben, wenn man ein behindertes Kind hat? Mit der Zeit
sei ihr klar geworden, dass für sie die Frage lauten müsste:
"Wie ich da nicht glauben? Allein würde ich es nicht schaffen".
Ihr
Glaube gab ihr die Kraft sich immer wieder für die Integration
betroffener Familien in Gesellschaft und Kirche einzusetzen.
Denn leider scheint es zu keiner Zeit selbstverständlich zu sein,
Menschen, die anders sind als der überwiegende Teil der
Gesellschaft, mit Respekt, Freundlichkeit und Toleranz zu begegnen. Das löste
bei ihr Angst und Wut aus und die Einsicht, dass es immer wieder gut
ist, die vermeintlich Gesunden mit den vermeintlich Schwachen zu
konfrontieren. Dabei erlebte sie auch viel Positives und
Mutmachendes. Als Sie Bischof Moser dankte, dass er sich bereit erklärte, die von ihr vorbereiteten Jugendlichen zu firmen, entgegnete er:
"Gott macht keinen Unterschied, wieso sollte ich einen machen".
Es ist heute zwar etwas ruhiger in ihrem Leben
geworden, doch noch immer setzt sie sich für Familien mit behinderten
Angehörigen ein. Zudem veröffentlicht sie weiterhin beim
Bibelwerk und in Gottes Wort im Kirchenjahr Handreichungen für die
religiöse Arbeit mit Kindern, die aber nun nicht mehr speziell für
Menschen mit einer Behinderung gedacht sind. In erster Linie ist es
ihr wichtig den Glauben mit verständlichen Worten, Gesten, Liedern und
Ritualen zu vermitteln. Wenn dann noch Liebe und Herzlichkeit dazu kommt, kann die frohe Botschaft Gottes von allen
Menschen verstanden werden.
Auf meine Frage zum Schluss, warum sie das alles
gemacht hat und noch immer tut antwortet Frau Lorenz mir: „Weil es
damals wie heute notwendig ist, sich für die Begegnung von Menschen
mit und ohne Behinderung einzusetzen!“
Raphael Schäfer
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