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Seelsorge
für Familien
mit
behinderten Kindern
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BUCHBESPRECHUNGEN:
Das
Leben ist, bevor man stirbt - Texte
und Bilder zu Sterben, Tod und Jenseits von Menschen mit
geistiger Behinderung
Dieses
Buch lässt Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung
zu Wort kommen. In Texten und Bildern teilen Kinder, junge
Erwachsene und alte Menschen ihre Erfahrungen und Gedanken zum
Thema Tod und Sterben mit. Es sind Bilder und Texte, die berühren,
die zum Schmunzeln bringen, zum Nachdenken. In der Vielfalt der
Arbeiten spiegelt sich wider, was eine Autorin schreibt: „Der
Tod ist von allem etwas.“ So
ist auf der Buchrückseite zu lesen und ich kann das nur bestätigen:
ein wunderbares Buch, das auch mir Neues zu diesen schwierigen
Themen eröffnet hat. Es ist äußerst geeignet, sich einerseits
dem Thema Tod zu nähern, kann andererseits auch in die
Gedanken-, Vorstellungs- und Gefühlswelt von Menschen, die eine
geistige Behinderung haben, einführen. Bei einem Preis von 15.-
€ ist es auch gut als Geschenk geeignet.
Das Buch ist entstanden aus prämierten Einsendungen eines
Literatur- und Zeichenwettbewerbs, den das Bestattungsinstitut
Vormbrock und die Künstlerin Sabine Feldwieser ausgeschrieben
haben. Eine Klasse der Martinusschule Ravensburg hat zusammen
mit ihrer Religionslehrerin am Wettbewerb teilgenommen. Ihr
beeindruckender Text ist auf S.19 zu finden. Das
Buch ist zu beziehen über www.vormbrock-bestattungen.de
Gertrud
Geiger
Ich
schlag mich schon durch
Tilmann
Kleinau kam am 21.07.1961 als so genanntes Contergan-Kind
mit kurzen, missgebildeten Armen und Beinen zur Welt. Er
wurde notgetauft, weil man sich nicht vorstellen konnte,
dass ein äußerlich so schwer geschädigtes Kind länger
als ein paar Wochen oder Monate leben würde. Heute lebt er,
47 Jahre alt, als freier Übersetzer für Agenturen und
Verlage aus dem In- und Ausland in Stuttgart, spielt
Schlagzeug in einer Amateur-Rockband, engagiert sich
ehrenamtlich in der Behindertenarbeit und führt, dank
Rund-um-die-Uhr-Assistenz, ein normales, integriertes und
erfülltes Leben. Wie war dies alles möglich? Was sind die
großen und kleinen Stufen in diesem bunten Leben, die
erklommen werden mussten? Wie sieht der Alltag mit seiner
Behinderung aus? Welche Probleme muss er lösen? Welchen
Anteil hatten und haben Eltern, Freunde und Helfer an seinem
Leben? Wo fühlt er sich bis heute eingeengt, ausgegrenzt,
behindert? Was sind seine persönlichen Wünsche an andere
Menschen, seine politischen Forderungen an unsere
Gesellschaft? All dies wird in seiner Autobiografie
beleuchtet. Er hat sie geschrieben, um anderen Menschen, vor
allem auch denen, die nicht behindert sind, ein Bild davon
zu vermitteln, wie er mit seiner Behinderung die Welt
wahrnimmt – und was alles im Leben machbar ist.
Der
Sprung ins volle Leben
Frau
Schütze schreibt die Geschichte Ihres verstorbenen Mannes
Manfred. Nach einem Badeunfall mit 18 Jahren saß
Manfred Schütze 37 Jahre lang im Rollstuhl. Trotz
seines Schicksals war er lebenslustig, optimistisch und
unerschrocken. Er genoss sein Leben in vollen Zügen.
Sein Lebensmittelpunkt waren seine Familie und
"seine Männer", die Zivis, die ihn betreuten. Elsbeth
Schütze lässt in Briefen an ihren Mann die aufregende und
abwechslungsreiche Zeit seines Lebens wiederentstehen.
In
mir ist Freude, Doris
Stommel-Hesseler, (Buchbesprechung von Brigitte Wieland)
Der
Leser dieses Buches wird eingeladen viele wertvolle Menschen
kennen zu lernen: Eltern, Geschwister und Großeltern von
Kindern mit einer Behinderung und mit ihnen die Kinder selbst
oder die inzwischen erwachsenen Menschen, die mit
unterschiedlichen Beeinträchtigungen leben. Die Angehörigen
wollen nichts beschönigen, stehen in ihren Erzählungen zu
ihren Ängsten, Tränen und Grenzen. Sie kennen aber auch die
andere Seite und beschreiben sie in einfühlsamen Begegnungen,
teils in Bildern und mit einem wachen Auge für die vielen
Momente, die Freude und Dankbarkeit einschließen.
Die
Frage der vorgeburtlichen Diagnostik und die daraus
resultierenden Auseinandersetzungen, Gedanken, Gefühle und
Entscheidungen lassen einige Eltern rückblickend erleben; die
quälenden Fragen: Warum gerade ich? Kann ich/ können wir als
Paar oder als Familie dieser Aufgabe gewachsen sein? Besondere
Achtung und Würde kann den Angehörigen, die hier zu Wort
kommen, zugesagt werden. Ohne einen Anspruch auf allgemeine
Gültigkeit liest man Aussagen wie: „Trotzdem glaube ich, dass
ein behindertes Kind immer als Chance angesehen werden kann um
zu lernen, zu reifen, tiefer in den Sinn des Lebens einzudringen
und Fähigkeiten zu entwickeln, die sonst brach gelegen wären.“
Oder „Als Mutter habe ich mein Kind als Unikat angenommen. Ich
vergleiche die Entwicklung nicht mit anderen Kindern. Ich bin
mir sicher, dass sie ihren Weg gehen wird.“ Eine Mutter, die
von Beruf Hebamme ist, fasst abschließend eher knapp zusammen:
„Leben mit Behinderung ist lebbar, Wege sind andere, aber
gehbar, Gefühle werden richtig fühlbar, das Leben ist
intensiver.“
Eltern
entwickeln unzählige Vorstellungen und Bilder vom Leben mit
einem süßen, gesunden Baby – Gesellschaft und Medien tragen
ihren Teil dazu bei. Ein Kind mit einer Behinderung fordert die
Familien zunächst einmal heraus, dieses Bild zu begraben. Sie
können nicht anders als dem Leben, so wie es ihnen tatsächlich
begegnet, in die Augen zu schauen. So lese ich: „Eine andere
Sicht der Dinge ist angesagt. Ich plane nicht mehr für die
Ewigkeit, sondern nur für morgen … Das ist das Beste, was wir
seit der Geburt unserer Tochter gelernt haben.“
In
ihrem Vorwort schreibt Doris Stommel-Hesseler: „Das Leben mit
einem behinderten Kind entwickelt sich nicht zwangsläufig zu
einer Leidensgeschichte.“
Die Welt in meinen Händen,
Peter
Hepp, (Buchbesprechung von
Birgit Beutel)
Es
gibt Bücher, die den Leser von der ersten bis zur letzten Seite
fesseln. Die außergewöhnliche Lebensgeschichte des taubblinden
Peter Hepp ist so ein Buch. Als
Peter Hepp geboren wird, ist die Welt für ihn und seine Familie
noch in Ordnung. Seine Gehörlosigkeit wird, wie es oft
vorkommt, zunächst nicht erkannt. Die Familie bemerkt zwar die
eine oder andere Auffälligkeit im Verhalten des Jungen, misst
den Beobachtungen aber keine besondere Bedeutung bei. So kann
der kleine Peter drei Jahre lang als rundherum glückliches und
von allen geliebtes Kind aufwachsen. Die heile Welt gerät
unvermutet ins Wanken durch den Verdacht eines Arztes, der einen
Hausbesuch bei dem im gleichen Haus lebenden Großvater macht.
Es folgen Untersuchungen, die zweifelsfrei die Gehörlosigkeit
des kleinen Peter ergeben. Wie für viele andere Familien auch,
ist diese Diagnose für die Hepps ein Schock. Fortan ist nichts
mehr so, wie es einmal war. Dem kleinen Peter ist die plötzliche
Verhaltensänderung der Eltern unerklärlich. Er ist doch wie
immer freundlich, bemüht und liebenswürdig zu ihnen und
allzeit lustig aufgelegt. Er spürt, dass etwas Schreckliches
und Unheimliches geschehen sein muss, das ihn betrifft. Dieses
Unerklärliche kommt ihm vor wie die „Ausweisung aus dem
Paradies“. Die Gehörlosigkeit des Sohnes Überfordert die auf
dem Lande lebenden Eltern. Sie überbehüten ihn und behindern
damit seine eigenständige Entwicklung. Statt in einen weit
entfernten Kindergarten für Gehörlose geben die Eltern ihren
Sohn – wohl im Glauben, das Beste für ihr Kind zu tun – in
den im Dorf vorhandenen Kindergarten für Hörende. Die Hoffnung
der Eltern, dass es irgendwie schon klappen wird, erfüllt sich
mehr schlecht als recht. Peter fühlt sich dort ausgeschlossen,
ungerecht behandelt, hat ständig das Gefühl, nicht für voll
genommen zu werden und erfährt ungewolltes Mitleid. Er ist der
Situation ausgeliefert, als Gehörloser unter Hörenden
aufzuwachsen. Auf die vielen Fragen, die ihn beschäftigen, erhält
er keine Antwort, keine Erklärung. Er kann sich die Welt nur Über
die Augen erschließen. Zu
einem besonders einschneidenden und schmerzhaften Erlebnis wird
für den Jungen die Einschulung in eine Gehörlosenschule. Die
weite Entfernung vom Elternhaus macht eine
Internatsunterbringung erforderlich. Peter leidet unter großem
Heimweh. Keiner kann ihm die Trennung von den Eltern und seinem
Zuhause verständlich machen – nicht die Familie und
Erzieherinnen leider auch nicht. In der schrecklichen ersten
Zeit in der Schule findet er ein wenig Trost bei seinen Mitschülern,
die ähnliche traumatische Erlebnisse schon hinter sich haben.
Die
Schule, in der alles streng geregelt ist, kommt dem Jungen wie
ein Gefängnis vor.
Statt der eigentlich notwendigen psychologischen Hilfe gibt es
Prügelstrafe mit dem Kleiderbügel. Bei einem derart mangelnden
Einfühlungsvermögen in die kindliche Psyche und pädagogischem
Unvermögen grenzt es schon an ein Wunder, dass der kleine Peter
nicht an seinem Kummer zerbricht. Die Bemerkung im Schulbericht,
dass er trotzig reagiert und sich nicht anpassen will, lässt
auf Peters früh ausgeprägtes Durchhaltevermögen und eine große
ihm innewohnende Kraft schließen. Mit der Zeit wird der
Aufenthalt in Schule und Internat für ihn erträglicher, was
allerdings kein Verdienst der Einrichtung ist. Vielmehr ist es
das Zusammensein mit seinen gehörlosen Mitschülern, das ihm
das Gefühl von Aufgenommensein und Geborgenheit gibt. Dank der
mühelosen Kommunikation mit ihnen fühlt sich Peter nicht mehr
ausgegrenzt, wie es in der Welt der Hörenden regelmäßig der
Fall ist. Ganz
allmählich begreift er, dass Gehörlose und Hörende sich auf
verschiedenen Ebenen bewegen und dass Hörende den Gehörlosen
nur die untere Ebene zuweisen. Egal, wie sehr er sich auch
anstrengt und bemüht, die Lehrerinnen zeigen ihm immer seine
Mangel und Unzulänglichkeiten auf. So kann sich kein
Selbstbewusstsein entwickeln, den Hörenden gleichwertig und
ebenbürtig zu sein. In all den Jahren hat die Schule ihm das
Gefühl vermittelt, ein Ziel anzustreben, das er nie erreichen
kann. Das Bewusstsein, ein Versager zu sein, schmerzt ihn am
meisten. Besonders beeindruckt ihn das Zusammentreffen mit einem
taubblinden Bürstenmacher. Der erst achtjährige Peter ist
fasziniert von der großen Zufriedenheit und Freude, die dieser
alte Mann ausstrahlt. Es spricht für ein früh ausgeprägtes
Interesse und eine innige Anteilnahme am Schicksal anderer, dass
Peter Hepp sich noch heute an die Wärme erinnert, „die
zwischen uns strömte“. Diese Begebenheit prägt sich in sein
Gedächtnis ein und wird später für ihn noch von Bedeutung
sein.
Das
Hörende wenig Zutrauen in seine Fähigkeiten haben, erfährt
Peter Hepp auch bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz. So
macht er notgedrungen erst eine Lehre als „Teilezurichter“,
bevor er sich zum Maschinenschlosser ausbilden lassen kann. kann.
Die Kommunikation mit den hörenden Kollegen ist schwierig und
unbefriedigend. Von den Jugendlichen im Heimatdorf wird er zwar
akzeptiert, durch seine Gehörlosigkeit aber von tiefer gehenden
Gesprächen ausgeschlossen. Er vermisst den täglichen Kontakt
zu Gehörlosen, die so leicht in Gebärdensprache zu führenden
Gespräche, wie es in seiner Schulzeit möglich war. Mit großer
Freude sieht er darum den regelmäßigen Begegnungen mit den
weit verstreut lebenden Gehörlosen entgegen. Sein großer
Hunger nach Informationen lässt ihn zur „Leseratte“ werden.
Durch vieles Lesen bekommt er auch einen Zugang zur Welt der Hörenden.
Seine
berufliche Tätigkeit füllt ihn auf Dauer aber nicht aus. Sein
Leben erscheint ihm als flach und ohne tieferen Sinn. So begibt
er sich auf einen langen Weg der Selbstfindung. Die Suche nach
dem für ihn bestimmten Lebensinhalt führt ihn auch für einige
Jahre ins Kloster Heiligenbronn. Die Arbeit dort mit behinderten
Menschen und die Auseinandersetzung mit dem Evangelium sind
„Nahrung für sein Herz und seine Seele“.
Die
starke Verschlechterung seiner Sehfähigkeit stürzt ihn in eine
ernsthafte Lebenskrise: Er ist zornig mit Gott und hadert mit
seinem Schicksal. Dann aber begreift er die anfänglich als
aussichtslos empfundene Situation als eine große
Herausforderung. Nach acht Jahren verlässt er das Kloster und
nimmt sein Leben selbst in die Hand. Er
muss viele Hindernisse und seelische Tiefpunkte überwinden, erfährt
aber auch aufrichtige Freundschaften und ein ungeahntes Glück:
Er lernt die Frau seines Lebens, eine Hörende, kennen (es war
„Liebe auf die erste Berührung“). Nun stolpern sie
gemeinsam über immer neue Schwierigkeiten. Aber
sie wachsen daran, dass sie es immer wieder schaffen, die
Probleme zu überwinden. Mit Unterstützung seiner Frau baut
Peter Hepp ein Netzwerk für Taubblinde auf und nach mehreren
Anläufen verwirklicht sich auch sein innigster Wunsch: Im Dom
zu Rottweil wird er im Jahr 2003 zum ersten taubblinden Diakon
in Deutschland geweiht.
„Ich glaube, ein Mensch ist gesund, wenn er es schafft,
seinen Frieden mit sich und seiner Situation zu schließen, und
wenn er Vertrauen zu Gott empfindet“, lautet die Botschaft von
Peter Hepp, der heute seelsorgerlich Taubblinde und Gehörlose
in der ganzen Diözese Rottenburg-Stuttgart betreut. Die
„Welt in meinen Händen“ ist ein tiefgründiges und aufrüttelndes
Buch. Peter Hepp schildert darin seinen einzigartigen Lebensweg,
den so vor ihm, allen Widrigkeiten zu Trotz, noch keiner
gegangen ist. Er entführt den Leser in eine ihm unbekannte Welt
und lässt ihn an seiner Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit
teilhaben, aber auch seine unbändige Energie und die große
Kraft, die er aus seinem Glauben schöpft, spüren.
Darüber hinaus fordert Peter Hepp den Leser
unaufdringlich und auf vielfache Weise zu einer
Auseinandersetzung mit Gehörlosigkeit und Taubblindheit auf. Er
hält der Gesellschaft den Spiegel vor, zeigt wann, wie und wo
sie gehörlosen und taubblinden Menschen Wunden schlägt und sie
an der freien Entfaltung hindert.
„Die Welt in meinen Händen“ ist ein ausgezeichnetes Buch,
dem viele gehörlose und noch mehr hörend3e Leser zu wünschen
sind.
Am liebsten
alle zusammen,
Gabriele Kosack, Dtv junior 2004 , 176 S., 6,50 Euro (ab 11 Jahren)
Die 11-jährige Leonie
schildert das normale Leben in einer außergewöhnlichen
Familie. Die pubertierende 15-jährige Theresa ist die Älteste
der vier Geschwister. Die beiden Brüder Max und Paul leben mit
einer geistigen Behinderung. Der 12-jährige Paul ist seit
Kindertagen ein Spielgefährte von Leonie. Er kann süß sein,
aber mit seinen vielfältigen verbalen Wiederholungen auch ganz
schön nerven. Veränderungen und Emotionen bedeuten für ihn
Aufregung, die er durch „Daumenballen-Beißen“ in den Griff
zu bekommen versucht. Max mit seinen 14 Jahren versucht cool und
lässig zu sein. Dabei ist er oft beleidigend und benutzt
besonders in Situationen, in denen er emotional beteiligt ist,
viele Schimpfwärter. Der Umgang mit ihm wird durch plötzlich
auftretende aggressive Phasen mit intensivem Toben und Zerstören
immer schwieriger. Sowohl die Mutter wie auch der von der
Familie getrennt lebende Vater sind den Kindern liebevoll und
einfühlsam zugewandt. Als die Situation aufgrund von Max’ aggressiven Schüben für
die Familienmitglieder unhaltbar zu werden scheint, ziehen Max
und Paul nach den Sommerferien in ein Heim für Kinder und
Jugendliche mit Behinderung. Aber ist es so wirklich für alle
besser, wie Mama betont? In bildreicher,
lebendiger Sprache und einem Schuss Situationskomik wird der
normale Alltag sowohl mit seinen liebevollen Erlebnissen wie
auch den vielfältigen Erschwernissen geschildert. Da kann der
Besuch des Fußballstadions schon mal zu einem Alptraum oder ein
Schuhkauf zu einer Odyssee werden. In einem abschließenden
Kapitel informiert die Autorin darüber, was es mit dem
Fragilen-X-Syndrom von Max und Paul auf sich hat. Eine Geschichte, die dem Leben abgeschaut wurde: Spritzig,
lebendig, empathisch, authentisch ... Sehr lesenswert!
Im New York des Jahres
1937 finden vier ungleiche Teenager durch den Bau eines eigenen
Bootes zu einer ehrlichen und ungewöhnlichen Freundschaft
zusammen. Myron ist der Initiator dieser Aktion. Er möchte
endlich frei sein von den Anforderungen seiner weiblichen
Familienmitglieder, die ihn als einen Ersatz seines verstorbenen
Vaters unendlich fordern. Der wie eine Marionette von seiner
Mutter dirigierte 14-jÄhrige mit Cerebralparese lebende Lester
wird durch diese Freundschaft selbständiger, selbstsicherer und
selbstbewusster. Alfred, der mit geistiger Retardierung und körperlicher
Behinderung lebt, scheint mit sich im Einklang zu sein. Er kann
ganz im Hier und Jetzt aufgehen, zufrieden mit seinem So-Sein
und seinen Interessen. Als vierte im Bunde findet sich der
lockere, vorurteilsfreie Energieblitz Claire mit ihren
sportlichen Ambitionen und ihrem Faible für Geschichten im
Bau-Keller ein. Einem wunderbaren Sommer zu viert steht nichts mehr im Wege.
In einigen Kapiteln wechselt die Erzählperspektive hin zu
Lester, der messerscharf seine Person, die Beziehung zu seiner
Mutter und zu seinem Umfeld mit einer Prise Sarkasmus beschreibt.
Insgesamt gelingt der Autorin eine sehr gute, glaubwürdige,
authentische und niemals voyeuristische Darstellung ihrer
Personen, eingebettet in eine eloquent dargebotene Handlung, die
eintauchen lässt in diese Welt der Jugendlichen.
Es finden sich kaum Kinder- und Jugendbücher, die so
authentisch und empathisch die Gedanken, Gefühle, Handlungen und
Erlebnisse von Jugendlichen mit Behinderung wiedergeben und dabei
auch noch einen hohen Unterhaltungswert haben. Gelebte
Integration, ohne aufgesetzt oder appellativ zu sein.
Mein stiller
Freund, Lois Lowry, Carlsen Verlag,
192 Seiten, 14,50 Euro (ab 12 Jahren)
Lois Lowry verbindet
in diesem Buch ihre beiden Interessen, Fotografie und Literatur,
zu einem beein-druckenden Werk: Aus alten Photos des beginnenden
letzten Jahrhunderts entwickelt die Autorin eine fiktive Story um
das Leben von Katy Thatcher und ihrem stillen Freund Jacob. Rückblickend
erzählt Katy, mittlerweile Über 80 Jahre alt, Erlebnisse aus
ihrer Kindheit als Arzttochter in einem Dorf in Amerika: Die
kleinen Alltagsgeschehnisse, Patientenbesuche, Schlittenfahrten,
Babys, die im Garten geerntet werden, die erste Tin Lizzy im
Dorf... Dieses Buch, bei dem jedes Kapitel mit einem informativem
Schwarzweißphoto und Datum eingeleitet wird, ist ein Tagebuch des
beginnenden letzten Jahrhunderts mit seinen Klassenunterschieden,
seiner Normalität des Alltags, den großen und kleinen
Besonderheiten sowie einer faszinierenden Freundschaft. Jacob ist
ein ständig Wollmütze tragender, „gestärkter Junge“, Über
den sich die Mühlenarbeiter lustig machen. Er geht nicht zur
Schule, gibt Dingen keinen Namen, sieht andere Menschen nicht an
und nimmt doch alles wahr. Er ist jemand, dem „der liebe Gott
die Hand aufgelegt hat.“ Die beiden sprechen nicht miteinander
stattdessen aber haben sie eine eigene Form der Kommunikation Über
Geräusche und „Singsang“ gefunden, und so führen Katy und
Jacob eine ungewöhnliche, aber besondere Freundschaft. Eine leise
Geschichte, der man gerne folgt, mit einem Schluss, der Hoffnung
macht, da es Katy gelingt, Jacob zu verstehen, das Geschehen
aufzuklären und für Jacob in Worte zu fassen. Die Übrige Umwelt
ist jedoch nicht bereit, diesem verstehenden Zugang zu folgen.
Als Buch des Monats Februar 2005 von der Deutschen Akademie für
Kinder- und Jugendliteratur aus-gezeichnet eine empfehlenswerte,
anspruchsvolle und doch leicht beschwingte Literatur für einen
gemütlichen Lese-Sonntag.
Schlafanzug und
Schokotorte, Jacqueline Wilson, Erika Klopp
Verlag, Hamburg Herbst 2003, 128 S., 7,90 Euro (ab 8 Jahren)
Daisy ist glücklich,
in ihrer neuen Schule Freundinnen gefunden zu haben. Mit ihnen
bildet sie den ABCDE-Geheimclub. Amy ist die erste der fünf, die
zu einer Übernachtungs-Geburtstags-Party einlädt. Jede Feier
bietet kleine Höhepunkte und Besonderheiten. Als letzte hat Daisy
Geburtstag und ist sehr besorgt, wie Amy, Bella, Chloe und Emily
auf ihre mit schwerer Behinderung lebende 11-jährige große
Schwester Lilly reagieren werden. Ein ganz besonderes Problem könnte
hierbei die verwähnte Chloe mit ihren ständigen Gemeinheiten
gegenüber Daisy werden. Kein Wunder, dass Daisys Übernachtungsparty
so manche Überraschung bereithält. Daisy ist die Ich-Erzählerin,
die die Leserin ihre Erlebnisse und Gefühle hautnah miterleben lässt.
Ergänzt wird diese unterhaltsame Erzählung durch die gelungene
farbige Illustration von Giulia Orecchia, die Daisys Schilderungen
wirkungsvoll unterstreicht. Ein ansprechendes, kurzweiliges Buch für
Mädchen ab 8 Jahren, das altersgerecht die Lebenswelt, Interessen
und Sorgen von 2./3.-Klässlerinnen wiedergibt und zusätzlich
noch die spezielle Situation der mit Behinderung lebenden großen Schwester authentisch,
sensibel und offen integriert.
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