Seelsorge für Familien

     mit behinderten Kindern

         in der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Themen/News

Aufbau einer Freizeitgruppe für körperbehinderte und nichtbehinderte Kinder im Umfeld ihrer Schule und ihres Wohnortes

Dokumentation im Rahmen der Zweiten Staatsprüfung im Sonderschulbereich

Ulrike Weis

Inhalt

Einleitung

1.      Überlegungen zur Integration in den Freizeitbereich – Was kann die Schule dazu beitragen?

2.      Der Lebensbereich Freizeit für Menschen mit Behinderung – Theoretische

Überlegungen

2.1.   Definition Freizeit

2.2.   Ziele der Freizeitpädagogik

2.3.   Möglichkeiten der Integration im Freizeitbereich

3.      Der Freizeitbereich für Schüler der Friedrich-von-Bodelschwingh-Schule – Die Ausgangslage

3.1.   Vorüberlegungen

3.2.   Die Gruppe der Kinder mit einer Behinderung

3.3.   Die „Wühlmäuse“

4.      Schritte zur Realisierung – Die Kooperationspartner

4.1.   Die Seelsorge für Familien mit behinderten Kindern   

4.2.   Die Kirchengemeinde „Guter Hirte“ im Ulmer Stadtteil Böfingen        

4.3.   Kooperationspartner an der Friedrich-von-Bodelschwingh-Schule

4.3.1.      Klassenlehrer

4.3.2.      Eltern

5.      Die Freizeitgruppe – Beispiele erster Treffen

5.1.   Ziele und Schwierigkeiten zu Beginn

5.2.   Begegnungen mit den „Wühlmäusen“

6.      Kritisches Resümee

Literatur

 

Einleitung

Gemeinsam unterwegs sein – Lebenswege miteinander gehen – Mittendrin sein: Das sind Schlagworte, die Wünsche und Bedürfnisse der allermeisten Menschen ansprechen. Somit sind es auch Wünsche von Eltern für ihre Kinder mit Behinderung und von Schülerinnen und Schülern (in Folgendem Schüler) einer Köperbehindertenschule für den Alltag außerhalb der Schule – dem Freizeitbereich.

Dies sind auch Wünsche von Schülern und Eltern der Friedrich-von-Bodelschwingh-Schule (SfK) in Ulm, und meist stehen der Realisierung dieser Wünsche die Probleme einer sinnvollen und machbaren Integration in bereits bestehende Freizeitbereiche entgegen. Realität ist meist auch, dass die Schüler selbst kaum Möglichkeiten haben, neben der Schule etwas ohne ihre Eltern zu unternehmen und Bedürfnisse, Interessen und Vorlieben zu entdecken, auszuprobieren und umzusetzen.

Bei meinen Überlegungen, welches nun ein für mich und Andere sinnvolles Handlungs- und Arbeitsfeld sein kann, habe ich mich auf das aktuelle Bedürfnis konzentriert, Schülern der Friedrich-von-Bodelschwingh-Schule die Möglichkeit zu geben, sich in einem neutralen Umfeld zu treffen, um gemeinsam ein Stück ihrer Freizeit zu gestalten. Obwohl diese gleichen Alters sind und nahe der Schule wohnen, kennen sich die Schüler untereinander oft kaum.

Für den „Aufbau einer Freizeitgruppe für körperbehinderte und nichtbehinderte Kinder im Umfeld ihrer Schule und ihres Wohnortes“, so der Titel der folgenden Dokumentation, müssen Kooperationspartner zur Seite stehen, die bei einer sinnvollen Integration in einem bereits bestehenden Freizeitbereich zusammenarbeiten.

Die folgende Arbeit soll dokumentieren, wie durch die Zusammenarbeit verschiedener Institutionen eine Freizeitgruppe innerhalb der Kirchengemeinde „Guter Hirte“ im Ulmer Stadtteil Böfingen entstanden ist. Dort treffen sich nun einmal in der Woche vier Schüler der Bodelschwingh-Schule zwischen 9 und 15 Jahren und ein nichtbehindertes Mädchen nach der Schule, um gemeinsam ihre „freie Zeit“ zu verbringen.

An erster Stelle stellt sich dabei die Frage, was die Schule für Körperbehinderte bei einer solchen Integration leisten kann und muss. Antworten darauf finden sich auch innerhalb der Literatur. Kurz angerissen werden, dabei auch die einem solchen Projekt zugrunde liegenden Ziele der Freizeitpädagogik aus fachwissenschaftlicher Sicht.

Nach einer kurzen Beschreibung der aus den Vorhaben entstandenen und im Moment existierenden Gruppe sollen anschließend die einzelnen Schritte der Kontaktaufnahme und des Kooperationsaufbaus dargestellt werden. Das zum Schluss der Arbeit angeführte Beispiel der konkreten Gruppensituation soll dann exemplarisch darstellen, welche Ziele und Schwierigkeiten beim Aufbau einer solchen Gruppe entstehen können. Es dokumentiert auch wie in ersten Schritten versucht wurde, sich einer anderen bestehenden Gruppe durch „Begegnungsmaßnahmen“ anzunähern, um daraus eine Integration in der Freizeitbereich „Kirchengemeinde“ aufbauen und intensivieren zu können.

 

1.      Überlegungen zur Integration in den Freizeitbereich – Was kann die Schule dazu beitragen?

Der Freizeitbereich ist für jeden Menschen ein wichtiger Bereich, um Interessen zu entwickeln, auszuleben, weiterzugeben und auszutauschen, aber auch um Abstand zum Alltag zu gewinnen und Motivation und Ausgleich zu schaffen.

Gerade die Schule für Körperbehinderte, die meist als Ganztagesschule eingerichtet ist, hat somit die Aufgabe, diesen Ausgleich zu unterstützen. Zu den Leitlinien und Zielen der Friedrich-von-Bodelschwingh-Schule in Ulm gehört es, den SchülerInnen die Gelegenheit zur eigenen Entscheidung und Gestaltung zu geben (vgl. Schulkonzept S. 5). Die Schule als sozialer Lebensraum, gerade wenn sie einen großen Teil des Lebens der SchülerInnen ausfüllt, hat dabei die Aufgabe, den Schülern vielfältige Erfahrungs- und Begegnungsfelder bereit zu stellen, in denen die Schüler dieser Schule die Möglichkeit haben müssen, Kontakte untereinander zu pflegen (vgl. ebd.).

Sie müssen mehr als in anderen Schulen die Möglichkeit haben, persönliche Interessen zu entwickeln und sie brauchen mehr als andere Schüler Anregung und Unterstützung, unterrichtsfreie Zeit sinnvoll zu nutzen und zu gestalten“ (Leitlinien zur schulischen Förderung, S.5).

Die Sonderschule als Ganztagesschule bietet den Schülern zwar auch in unterrichtsfreier Zeit vielfältige Freizeitangebote (AG’s, Pausenangebote,…). Im Blickfeld bei innerschulischen Freizeitangeboten muss dabei immer eine große Wahl, Entscheidungs- und Handlungsfreiheit stehen, um im schulischen Umfeld „Freizeitkompetenzen“ zu erwerben. Nichtbehinderte Schüler haben häufig wohnortnah und außerhalb der Schule die Möglichkeit, Freizeitangebote zu nutzen und diese Kompetenzen aufzubauen.

Damit wird ein großes Moment von Freizeit deutlich – die Trennung von Schul- und Freizeitbereich, die auch für Schüler einer Sonder- bzw. einer Körperbehindertenschule möglich gemacht werden sollte. Markowetz bringt dies auf den Punkt und fordert mit seiner Aussage die Schule heraus: „Freizeit ist erstens die größtmögliche individuelle Freiheit einer Zeit, die quantitativ von der Schulzeit abgegrenzt ist und die zweitens in eigenen Freizeiträumen, also nicht in der Schule stattfindet.“ (Markowetz 2000, S. 23f.).

Aufgabe der Schule ist es somit auch, außerunterrichtliche, im Freizeitbereich stattfindende Aktivitäten, die eine sinnvolle und erfüllte Gestaltung der Freizeit gewährleisten, in besonderem Maße zu fördern (vgl. Schulkonzept S. 6), damit Schüler der Schule für Körperbehinderte Freizeitbereiche nutzen können, die für jeden nichtbehinderten selbstverständlich zur Verfügung stehen.

Ein wichtiger Ansatz ist dabei, im Sinne der systemischen Denkweise, das soziale Umfeld der Kinder im Auge zu behalten, um feststellen zu können, wer zur Entwicklung der Persönlichkeit, zur Förderung der Selbständigkeit und dem Ausbilden von eigenen Interessen im Freizeitbereich Förderbedarf hat

Diese hier angerissenen Überlegungen und zugrunde liegenden Zielsetzungen, die im Folgenden nochmals beleuchtet werden, waren wichtige Bausteine und Entscheidungsgrundlagen für das Vorhaben, eine Freizeitgruppe in Kooperation mit der Schule aufzubauen.

Welche Bedingungen müssen also geschaffen werden, damit diese Kinder im Rahmen ihrer Freizeitgestaltung ihre eignen Interessen einbringen können? Wie kann in diesem Rahmen Integration angestrebt werden?

Das Konzept der Schule Schüler bei der Integration in Vereine zu unterstützen (vgl. Schulkonzept S. 7), dient dabei als Grundlage. Ziel ist die Teilhabe der Schüler an der Gesellschaft mit ihren freizeitlichen Strukturen.

Diese Überlegungen und Zielsetzungen waren und sind Fundament und Ausgangspunkt für mein konkretes Arbeiten im Handlungsfeld mit Schülern der Friedrich-von-Bodelschwingh-Schule in Ulm. Fundament soll aber auch sein, welche Ziele für die Freizeitgestaltung innerhalb der Literatur genannt und welche Forderungen sich für den Freizeitbereich speziell für Menschen mit Behinderung hieraus ergeben.

2.      Der Lebensbereich Freizeit für Menschen mit Behinderung – Theoretische Überlegungen

Die Theoretischen Hintergründe dieses Themas beziehen sich in erster Linie auf den Bereich der Freizeitpädagogik, welcher innerhalb dieses Rahmens nur angerissen werden kann. Ich möchte aber im Folgendem kurz aufzeigen, was man unter dem Begriff der Freizeit versteht, welche Bereiche, Bedürfnisse und Ziele dieser umfasst und welche Veränderungen er für Menschen mit Behinderung mit sich bringt. Ebenfalls sollen kurz die Überlegungen innerhalb der Literatur angeführt werden, wie eine möglichst zufrieden stellende Freizeitgestaltung für Menschen mit Behinderung aussehen könnte.

 

2.1. Definition Freizeit

Freizeit kann nach Opaschewski im Sinne eines positiven Freizeitbegriffes als „Teil der Lebenszeit“ (Opaschewski 1996, S. 29) bezeichnet werden, die somit einen Teil menschlicher Tätigkeit zusammen mit anderen Lebenssegmenten (Familie, Freunde, Kultur, Umwelt, Religion, öffentliches Leben) ausmacht (vgl. Lebenshilfe 2001, S. 8). Dabei teilt Opaschewski die gesamte Lebenszeit in drei Zeitabschnitte ein:

(1)   „der frei verfügbaren, einteilbaren und selbstbestimmten Dispositionszeit (= „Freie Zeit“ – Hauptkennzeichen: Selbstbestimmung);

(2)   der verpflichtenden, bindenden und verbindlichen Obligationszeit (= „Gebundene Zeit“ – Hauptkennzeichen: Zweckbestimmung)

(3)   der festgelegten, fremdbestimmten und abhängigen Determinationszeit (= „Abhängige Zeit“ – Hauptkennzeichen: Fremdbestimmung)“ (Opaschewski 1996, S. 86).

Im Sinne dieser Einteilung (die Theunissen für die Gruppe von Menschen mit Behinderung um die Bereiche Ruhe- und Schlafenszeit erweitert (vgl. Theunissen in: Markowetz 2000, S. 12)), die laut Opaschewski für alle Bevölkerungsschichten, also auch für Menschen mit Behinderung, gilt, tritt im gegebenen Fall somit die freie Zeit, die Dispositionszeit ins Blickfeld. Diese freie Zeit ist dabei geprägt „durch freie Wahlmöglichkeiten, bewusste Entscheidungen und soziales Handeln“ (ebd., S. 30). Darüber hinaus sind im Sinne der freien Zeit unverzichtbar

-         die flexible Einteilung der verfügbaren Zeit

-         die Freiwilligkeit

-         die Zwanglosigkeit und

-         „die Chance für Eigeninitiative und gemeinschaftliches Vorgehen aus eigenem Antrieb und/oder Zusammengehörigkeitsgefühl“

(vgl. Opaschewski, 1996, S. 95f.)

Theunissen unterstreicht diese Definition Opaschewskis, in dem er Freizeit als „jene freie Zeit [bezeichnet], über die das Individuum frei verfügen soll und in der es selbst gestalten und eigene Initiativen verwirklichen kann. … Diese ‚freie Zeit’ ist wesentlich bestimmt durch Subjektivität, Spontaneität, Zufall, Erholung, Unterhaltung, Intimität, (schützender) Privatheit, Spiel, Geselligkeit, Hobby, […]“. (Theunissen in: Markowetz 2000, S. 12).

Die genannten Definitionen und Elemente von Freizeit sagen in diesem Zusammenhang aber nichts darüber aus, ob das Individuum die ihm durch die Freizeit gegebene Chance zur eigenständigen Gestaltung, die als wichtiger Schritt zur Selbstverwirklichung gesehen werden kann, auch zu nutzen weiß.

Überwiegt nicht häufig bei Menschen mit Behinderung die Fremdbestimmung, und somit nach Opaschewskis Definition auch der Bereich der Determinationszeit?

Laut der Betonung Markowetz’ haben behinderte und nichtbehinderte Menschen grundsätzlich die selben Bedürfnisse und somit auch das selbe Bedürfnis nach Freizeitgestaltung (vgl. Markowetz S.12). Bei Menschen mit Behinderung kommen allerdings spezifische Probleme, wie z.B. Mobilitätsprobleme, Ausdehnung der Versorgungszeiten, Kontaktprobleme hinzu, die die Zeit der Determination unfreiwillig verlängern können.

 

2.2. Ziele der Freizeitpädagogik

Generell unterscheidet Opaschewski zunächst vier individuelle Zielfunktionen:

  • „Rekreation (Erholung, Entspannung, Wohlbefinden),
  • Kompensation (Ausgleich, Zerstreuung, Vergnügen)
  • Edukation (Kennenlernen, Lernanregung, Weiterlernen)
  • Kontemplation (Ruhe, Muße, Selbstbestimmung (Lebenshilfe 2001, S. 8f)

und vier gesellschaftliche Zielfunktionen

  • Kommunikation (Mitteilung, Kontakt, Geselligkeit)
  • Integration (Zusammensein, Gemeinschaftsbezug, Gruppenbildung)
  • Partizipation (Beteiligung, Engagement, soziale Selbstdarstellung)
  • Kulturation (kreative Entfaltung, produktive Tätigkeit, Teilnahme am kulturellen Leben) (ebd.; vgl. Opaschewski 1996, S. 90ff.; Markowetz 2000, S. 13)

Dabei sind, so betont auch Markowetz, bei Menschen mit Behinderung im Hinblick auf die angerissenen Probleme, die damit verbunden sein können, die individuellen Zielfunktionen innerhalb des Freizeitbereiches leichter einzulösen als die gesellschaftlichen. (vgl. Markowetz 2000, S. 14).

An dieser Stelle stellt sich die Frage, wie ich die genannten Ziele innerhalb meines konkreten Arbeitens zufrieden stellend umsetzen kann, um gesellschaftliche Forderungen bei der Freizeitarbeit mit Menschen mit Behinderung einlösen zu können.

Ein wichtiger Schritt dabei ist eine „auf Integration ausgerichtete[ ] Freizeitpädagogik“, damit der „Lebensbereich Freizeit neue Handlungsmöglichkeiten sowohl für den einzelnen behinderten Menschen als auch für das gemeinsame Handeln von behinderten und nichtbehinderten Menschen“ eröffnet (Markowetz 2000, S. 14). Dieser Integrationsbegriff, auf den im Rahmen dieser Arbeit definitorisch nicht eingegangen werden soll, beinhaltet die oben schon angesprochene Notwendigkeit einer Integration im Sinne einer Eingliederung in einen bereits bestehenden Freizeitbereich („institutionale Ebene“ von Integration (vgl. Markowetz 2000b, S. 43)), als auch den Kontakt zu nichtbehinderten Menschen im Sinne einer gesellschaftlichen Integration (bzw. „gesellschaftliche Ebene“ von Integration (ebd.)). Folgendes soll diese Überlegungen unterstreichen:

 

2.3. Möglichkeiten der Integration im Freizeitbereich

„Integration [muss] als Gemeinsamkeit von behinderten und nichtbehinderten Menschen in allen Lebensbereichen unserer Gesellschaft verstanden werden […]“ (Kobi in Markowetz 2000c, S. 81)

Ein genanntes Freizeitbedürfnis nach Markowetz ist die Integration, um innerhalb des Freizeitbereichs das Zusammensein, den Gemeinschaftsbezug und die soziale Stabilität zu fördern. Häufig erfahren Menschen mit Behinderung Benachteiligungen, weil ein häufiger Wechsel der Bezugsgruppen und Bezugspersonen ohne Berücksichtigung der persönlichen Interessen stattfindet oder sie erfahren Diskriminierung und Isolierung innerhalb der Gesellschaft (vgl. Markowetz 2000, S. 13).

Dies macht die Notwendigkeit sichtbar, Freizeitangebote in Richtung der Bedürfnisse behinderter Menschen hin zu verändern und bereits bestehende Angebote für Menschen mit Behinderung mehr in Angebote für nichtbehinderte Menschen einzubetten (vgl. Bügler/Brand 2000, S. 242). Um Integration im Freizeitbereich für Menschen mit Behinderung möglich zu machen, sollten u.a. nach Bügler und Brand

-         organisatorische Hilfen zum Verbleib im eigenen sozialen Umfeld,

-         eine Eingliederung in bereits bestehende feste Gruppen der traditionellen Jugendarbeit,

-         die Ermöglichung der Teilnahme von behinderten an bereits bestehende offene Angebote und

-          die Schaffung neuer offener Programmangebote mit Zugangsmöglichkeiten für beide Gruppen

gewährleistet sein (vgl. ebd.).

Eine Möglichkeit, dieser Forderung aus der Literatur nachzukommen ist, wie im Folgenden beschriebenen Beispiel einer Freizeitgruppe, die Integration innerhalb einer Kirchengemeinde mit ihren Strukturen der Jugendarbeit.

 

Integrationsarbeit im Freizeitbereich umfasst aber, wie bereits angeklungen, auch die Begegnung mit nichtbehinderten Kindern und Jugendlichen, die gerade bei der Anbahnung sorgfältig geplant und initiiert sein sollte. Nestle und Klein schlagen dabei ein Stufenmodell für die Anbahnung und Durchführung von Begegnungsmaßnahmen vor, welches ursprünglich für die Kooperation zwischen verschiedenen Schulen bzw. Schularten entwickelt wurde. Angepasst an den Freizeitbereich für Menschen mit Behinderung und der Forderung von Bügler und Brand an bereits bestehende Gruppen anzugliedern, könnte dies dann wie folgt aussehen:

 

Information der Schulleitung bzw. Kontakt mit der Freizeiteinrichtung

Bereitstellung der Räume, Berücksichtigung im Tagesablauf, Beförderung

ß

Motivation und Ausgangslage der Schüler bzw. Gruppenmitglieder

ansprechen (Freiwilligkeit, bestehende Ängste, Vorerfahrungen)

ß

Vorbereitung der Kontakte

(gegenseitige Einladung)

ß

Erste Begegnung

Gemeinsame Aktivität wie Basteln, Spielen, Kochen

ß

Information der Eltern

Über Kontakt und den Verlauf des Vorhabens; Freiwilligkeit

ß

Planung weiterer Begegnungen

Interessen berücksichtigen, auftauchende Probleme reflektieren

ß

Öffentlichkeitsarbeit

Verbreitung von Begegnungsmaßnahmen durch Medien

            (in Anlehnung an Klein/Nestle, 31.11.2004)

Diese in diesem Rahmen nur sehr kurz angerissenen Elemente der Freizeitpädagogik sollen in Folgendem Grundlage für die konkrete Beschreibung des Aufbaus einer Freizeitgruppe für behinderte und nichtbehinderte Kinder innerhalb einer Kirchengemeinde sein.

 

3.      Der Freizeitbereich für Schüler der Friedrich-von-Bodelschwingh-Schule in Ulm – Die Ausgangslage

3.1 Vorüberlegungen

Schüler einer Körperbehindertenschule in einen etablierten Freizeitbereich zu integrieren scheitert meist schon daran, dass diese, bedingt durch den Ganztagesschulbetrieb, lange Anfahrtswege und die damit verbundenen Anstrengungen nur sehr wenig „freie Zeit“ haben.

Zu den Überlegungen, wie man in diesem Bereich die Schüler fördern könnte gehörten somit, wie man die Ressourcen im Umfeld der Schule nutzen könnte, um Freizeit außerhalb der Schule für Schüler einer Sonderschule, in diesem speziellen Fall der Friedrich-von-Bodelschwingh-Schule (Schule für Körperbehinderte) in Ulm möglich zu machen.

Ausgangsbedingungen bzw. Voraussetzungen für den Aufbau einer Freizeitgruppe sollten somit sein:

  • Schüler ähnlichen Alters
  • Wohnortnähe
  • Kurze (Anfahrts-)Wege
  • Nutzung einer Freizeiteinrichtungen in Schulnähe, um Trennung von Schule und Freizeit zu gewährleisten
  • Etablierung in einen bereits bestehenden Freizeitbereich

Im ersten Kontakt mit der Schulleitung entstand auch eine Auswahl möglicher Schüler, die für dieses Projekt angesprochen werden und eine zukünftige Gruppe bilden sollten. Sie werden im Folgenden kurz vorgestellt.

 

3.2 Die Gruppe der Kinder mit einer Behinderung

Die Gruppe besteht im Moment aus vier Schülern der Bodelschwingh-Schule und einem nicht behinderten Mädchen, ein Geschwisterkind. Alle Schüler sind aus verschiedenen Klassen und zwischen 9 und 15 Jahren alt. Die Kinder und Jugendliche haben unterschiedliche Behinderungsarten. Bei allen Schülern liegt eine Entwicklungsverzögerung vor, ein Mädchen ist zusätzlich auf einen Rollstuhl angewiesen. Die Gruppe trifft sich in unregelmäßigen Abständen und unterschiedlicher Dauer mit einer Jugendgruppe, die zeitgleich im Gemeindehaus zusammen ihre Freizeit verbringen.

 

3.3 Die Wühlmäuse

So nennt sich die Gruppe nichtbehinderter Mädchen, die sich zeitgleich in den Jugendräumen des Gemeindehauses treffen und dort einen Teil ihrer Freizeit gemeinsam gestalten und verbringen.

Die Gruppe besteht aus 14 Mädchen zwischen 10 und 11 Jahren, die sich auch erst seit Beginn des Schuljahres regelmäßig donnerstags von 16-17 Uhr treffen. Um hier eine Integration auch auf gesellschaftlicher Ebene anzubahnen, wurden mit dieser Gruppe erste Begegnungsmaßnahmen gestaltet, auf welche ich im Folgenden noch näher eingehen werde.

 

4. Schritte zur Realisierung – Die Kooperationspartner

Erste Schritte, die der Realisierung dieses Projektes dienen, sind in den vorausgegangenen Überlegungen zur Zusammensetzung der Gruppe und den damit Verbundenen Intentionen bereits erwähnt worden (s. S.9). Wesentliche Grundlage für die im Folgenden erwähnten Realisierungs-schritte ist das Schaubild in Anlehnung an Klein und Nestle (s. S.8).

Als wichtiger erster Schritt in Richtung einer ernst zu nehmenden Integration und Aufbau einer Gruppe im „Freizeitbereich Kirchengemeinde“ spielten auch die Erwägungen eine Rolle, welche wichtigen Kooperationspartner es in diesem Falle gibt. Von meiner Seite gingen klare Vorstellungen voraus, dass ich durchaus nicht alleine, bzw. nur mit den Zielen der Schule den Freizeitbereich betreffend agieren, sondern an bereits bestehende Angebote im häuslichen und schulischen Umfeld anknüpfen wollte Ein wichtiger Kooperationspartner für den Schritt der Integration behinderter Menschen in die Kirchengemeinde sollte dabei die „Seelsorge für Familien mit behinderten Kindern“ in Ulm sein, die mit der Schule auch im Hinblick auf die Vorbereitung der Schüler zur Erstkommunion und Firmung in Verbindung steht.

 

4.1  Die Seelsorge für Familien mit behinderten Kindern

Die Seelsorgestelle für Familien mit behinderten Kindern ist eine Einrichtung der Diözese Rottenburg-Stuttgart und ist in dieser Form in den Städten Ulm, Ludwigsburg und Stuttgart gegenwärtig vertreten. Zu den wesentlichen Aufgaben der Mitarbeiter, in Ulm sind dies zwei, gehört dabei, den Religionsunterricht in den Sonderschulen, in Ulm sind dies die SfG und SfK, zu unterstützen, Erst- und Firmunterricht integriert in den Schulalltag zu erteilen, Menschen mit Behinderung und deren Familien partnerschaftlich zu begleiten und auch die Teilnahme von Menschen mit Behinderung am Leben der Kirchengemeinde zu unterstützen (vgl. Flyer der Seelsorgestelle im Anhang S.VI). Folgendes Schaubild soll das kooperative Arbeiten der Seelsorgestelle verdeutlichen:

Nach einem ersten Kontaktgespräch mit der Mitarbeiterin Frau B., in dem ich mein Vorhaben vorstellte, wurde deutlich, dass die Seelsorgestelle vor allem bei der Integration von Behinderten in Kirchengemeinden der Unterstützung durch Kontaktpersonen bedarf. Insofern war schnell ersichtlich, dass diese Stelle mein Vorhaben unterstützen wird. Mir war diese Kooperation wichtig, damit dadurch auch den Eltern, mit denen ich in Kontakt trete, der Zusammenhang meines Vorhabens deutlich wird.

Wesentliches Kooperationselement in meinem zukünftigen Arbeiten ist auch, die finanzielle Unterstützung zu gewährleisten. Im Etat der Seelsorgestelle sind finanzielle Mittel vorhanden, die für Kooperationsprojekte in Kirchengemeinden zur Verfügung stehen. Während der Vorbereitungsphase und der Durchführung der Freizeitgruppe ist für mich dabei die Seelsorgestelle in Person von Frau B. eine Anlaufstelle für Fragen, ein Rückhalt bei Problemen (z.B. bei der Kontaktaufnahme bzw. Zusammenarbeit mit den Eltern) und eine Möglichkeit, Materialien und Ideen für die Durchführung der Gruppenstunden zu erhalten. Des Weiteren wurde meine Arbeit dadurch erleichtert, dass den Eltern der Gruppenmitglieder die Seelsorgestelle als Institution bereits ein Begriff ist.

Die Zusammenarbeit mit der Institution der Seelsorgestelle, die auch unabhängig von der Schule auftritt, ermöglichte es mir auch ein breites Feld der Öffentlichkeitsarbeit zu nutzen. So konnte ich innerhalb des Jahresberichtes und im Gemeindeblatt der Kirchengemeinde „Guter Hirte“ in Böfingen meine Arbeit aufmerksam machen (s. Anhang S.IX).

 

4.2       Die Kirchengemeinde „Guter Hirte“ im Ulmer Stadtteil Böfingen

Die Kirchengemeinde „Guter Hirte“ in Böfingen befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zur Schule. Um die notwendige Trennung von Schule und Freizeit für die Schüler zu gewährleisten, war dies eine wichtige Voraussetzung, um Hürden der Erreichbarkeit des „Freizeitortes“ zu überwinden und die Nähe zu Wohnort und Schule für die Schüler sichtbar zu machen. Außerdem ist ein Gemeindezentrum gerade für nichtbehinderte Kinder und Jugendliche ein Ort, in dem Freizeitangebote realisiert werden. Umso wichtiger, dies auch für Kinder und Jugendliche mit Behinderung zu ermöglichen.

Ein erstes Zusammentreffen mit Verantwortlichen aus der Kirchengemeinde ermöglichte mir dabei Frau B. aus der Seelsorgestelle, die mit diesen Kontakt aufnahm. Da mein Vorhaben eine Freizeitgruppe mit Kindern und Jugendlichen war, schien es mir wichtig, in einer ersten Annäherung  mit für die Jugendarbeit in dieser Kirchengemeinde zuständigen Jugendlichen in Kontakt zu treten. Frau B. und ich wurden dabei zunächst zur Leiterrunde der KJG[1] Böfingen eingeladen. Innerhalb dieses Treffens stellte ich dabei mit Unterstützung von Frau B. mein Projekt vor. Die Jugendlichen hatten in diesem Rahmen die Möglichkeit, Fragen zu stellen, Bedenken zu äußern und Ideen einzubringen. Für mich stellte dieses Treffen einen wichtigen Baustein dar, meinerseits ein Zeichen zu geben, dass wir uns mit einer Schülergruppe der Bodelschwingh-Schule durchaus in die Strukturen der Kirchengemeinde integrieren und nicht nur Mitläufer bzw. Gäste sein wollen. Die Jugendlichen zeigten sich demgegenüber sehr offen, äußersten aber auch Bedenken, wie Menschen mit Behinderung sinnvoll, auch organisatorisch integriert werden könnten, da sie selber wenig Erfahrungen hätten. Zwei Kindergruppenleiterinnen bekundeten daraufhin Interesse mit der neu entstehenden Gruppe innerhalb der Gemeinde kooperieren bzw. einige Aktivitäten auch gemeinsam planen zu wollen.

Ein weiterer Schritt, sich in die Strukturen der Kirchengemeinde einzufügen, war der Kontakt mit dem Kirchengemeinderat. Ich nahm dabei brieflichen Kontakt mit dem zweiten Vorsitzenden der Kirchengemeinde auf (s. Anhang S.VII), der daraufhin  Frau B und mich im Rahmen einer Gemeinderatssitzung einlud, um auch dort mein Vorhaben zu präsentieren (Einladung bzw. Tagesordnung der Sitzung s. Anhang S.VIII). Die Präsentation meiner Überlegungen und meines Konzepts, Schüler der nahen Körperbehindertenschule in die Kirchengemeinde integrieren zu wollen, stieß hier auf allgemeine Zustimmung. Wichtig in diesem Zusammenhang ist es auf offene Menschen zu stoßen, die die Wichtigkeit der Etablierung eines Freizeitbereiches auch für Menschen mit Behinderung innerhalb der Gemeinde erfassen und deren Umsetzung unterstützen.

Der Besuch der Sitzung ermöglichte mir, auch mich als Person vorzustellen und Präsenz innerhalb der Gemeinde zu zeigen.

Ein weiterer wichtiger Grund den Kirchengemeinderat zu kontaktieren bzw. zu besuchen war für mich, in diesem offiziellen Zusammenhang organisatorische Dinge zu klären, wie z.B. die Verfügbarkeit von Schlüsseln, behindertengerechte Toiletten, die Erreichbarkeit des Hausmeisters oder Belegungspläne des Gemeindehauses.

 

4.3       Kooperationspartner an der Friedrich-von-Bodelschwingh-Schule

4.3.1    Klassenlehrer

Wie bereits erwähnt sind Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Klassenstufen der Bodelschwingh-Schule in der Freizeitgruppe. Aus diesem Grund war es für mich wichtig, durch die Klassenlehrer und Fachlehrer in den Klassen Informationen über die Schüler zu bekommen und innerhalb der Klasse durch Hospitationen einen ersten Kontakt mit den Schülern aufzubauen.

Da als wichtiges Prinzip innerhalb der Freizeitgestaltung die Freiwilligkeit gelten muss, stand für mich im Vordergrund während dieser ersten Kontakte vor allem zu eruieren, ob die Schüler überhaupt Interesse an einem solchen Vorhaben hätten. Zu beachten ist allerdings, und dies wurde auch im ersten halben Jahr innerhalb der Freizeitgruppe deutlich, dass die Schüler häufig keine Vorstellung von der Gestaltung eines solchen Freizeitbereichs haben, da sie meist ihre Freizeit innerhalb der Familie oder in Abhängigkeit von erwachsenen Bezugspersonen, meist den Eltern, gestalten müssen. Diese Erkenntnis, die auch innerhalb der Literatur erwähnt wird (vgl. Markowetz S. 27ff.), veranlasste mich auch dazu, bei der konkreten Durchführung die eigenen Interessen der Schüler in den Vordergrund zu stellen und die eigenständige Gestaltung des Programms zunächst als Ziel erster Treffen im Auge zu behalten (s.u.).

 

4.3.2    Eltern

Die jeweiligen Klassenlehrer waren für mich aber auch wichtig in Bezug auf die Elternarbeit. Durch sie bekam ich einen ersten Kontakt zu den Eltern, da die erste Ausschreibung zur Freizeitgruppe (s. Anhang S.I) über das jeweilige Austauschsystem der Klassen organisiert wurde (z.B. Kommunikationsbuch, Erzählbuch, Kommunikationsgeräte: BigMäc). Diesen ersten Elternkontakt über den jeweiligen Klassenlehrer zu regeln hatte auch den Grund, dass die angesprochenen Familien die Möglichkeit haben sollen, sich unverbindlich über den Klassenlehrer zu informieren. Dies geschah teilweise auch am jeweiligen Elternabend.

Der weitere Kontakt zu den Eltern erfolgte dann über Elternbriefe (s. Anhang S.II-V), telefonisch, oder später innerhalb der Freizeitgruppe, wenn Eltern ihre Kinder abholten.

Wichtige Rückmeldung im Bezug auf den Elternkontakt war für mich die gemeinsame Weihnachtsfeier in der letzten Gruppenstunde des Jahres. Hier wurden dann noch offene Fragen direkt geklärt und Rückmeldungen wechselseitig ausgetauscht.

Die hier kurz vorgestellten Kooperationspartner spielten vor allem in der Vorbereitungsphase der Freizeitgruppe eine wichtige Rolle, sind aber auch jetzt noch Bausteine meiner Arbeit. Wichtig waren und sind sie, um vor allem eine Integration im institutionellen Sinne anzustreben.

Um auch gesellschaftliche Integration für die teilnehmenden Kinder und Jugendlichen zu erreichen war und ist in der weiteren Arbeit die Kooperation mit der bereits kurz vorgestellten Gruppe nichtbehinderter Mädchen, der „Wühlmäuse“. Beispielhaft, wie in einer ersten Phase solche Begegnungsmaßnahmen aussehen können und in diesem speziellen Fall ausgesehen haben, möchte ich im Folgenden aufzeigen.

 

5. Die Freizeitgruppe – Beispiele erster Treffen

5.1 Ziele und Schwierigkeiten zu Beginn

Aus den dargestellten Schritten zur Realisierung entstanden ab den Sommerferien regelmäßige Treffen der Gruppe. Die Schüler werden immer am Donnerstag nachmittags um 15 Uhr von mir in den Klassen abgeholt. Wir gehen dann gemeinsam zum Gemeindehaus.

Am Anfang war es mir wichtig, Rituale zu entwickeln, damit die Schüler innerhalb der neuen Situation und der neuen Umgebung Sicherheit erlangen und Gewohnheiten entwickeln können. Dazu gehört vor allem, der Gruppe zunächst nicht nur eine räumliche Trennung von der Schule zu bieten, sondern ebenso Unterschiede zum Schulalltag hervorzuheben. Aus diesem Grund steht zu Beginn jeden Treffens immer ein gemeinsamer Austausch, bei dem die Kinder vor allem von Dingen erzählen können, die sie im Moment beschäftigen. Meist betrifft dies den vergangenen Schultag, aber auch Dinge, die innerhalb der Familie wichtig waren. Mir ist es außerdem wichtig, dass die Kinder mich durchaus als Leiterin verstehen, aber nicht im Sinne der Lehrerin, sondern im Sinne einer Ansprechpartnerin. Dies ist selbstverständlich ein langfristiges Ziel. Dazu gehört auch, dass die Kinder mich mit dem Vornamen ansprechen konnten. Rollenkonflikte entstanden hierdurch auch deshalb nicht, weil keines der Kinder von mit unterrichtet wurde.

Im Mittelpunkt der Treffen sollte und soll darüber hinaus die Entwicklung von eigenen Interessen stehen und die Gelegenheit in diesem Rahmen individuelle Interessen einzubringen. Die Kinder sollen dadurch Selbst- wie auch Mitbestimmung erfahren.

In den ersten Treffen wurde dies methodisch durch die gemeinsame Programmgestaltung als zentraler Punkt umgesetzt.

  • Wir entwickelten gemeinsam eine Programmtafel,
  • Wir tauschten Vorlieben und Wünsche aus und versuchten uns auf ein gemeinsames Programm für den überschaubaren Zeitraum von drei Wochen zu eineigen.

Dabei mangelt es der Gruppe meist nicht an Ideen, allerdings musste neben einer realistischen Einschätzung der Möglichkeiten in zwei Stunden eine Einigung gefunden werden.

Ein Problem, das sich an dieser Stelle auftat, war die aus der Einigung ebenfalls resultierende notwendige Akzeptanz, wenn der jeweilige Vorschlag nicht angenommen wurde. Dies führte und führt oft zu Motivationsproblemen.

Daraus ergab sich für mich die Frage, welches Prinzip im Vordergrund stehen sollte: Das Prinzip der Freiwilligkeit mit dem Ziel der Freizeitpädagogik, dass die Kinder frei entscheiden können, was und ob sie dies tun wollen, oder die Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls der Gruppe durch unbedingte gemeinsame Aktionen.

Eine weitere Schwierigkeit war, dass Schüler, die ich nicht aus dem Schulalltag kannte, in den wöchentlichen Treffen für mich nur sehr schwer einzuschätzen waren, vor allem die beiden nicht sprechenden Schülern Daniel und Sonja.

Ein möglicher Lösungsansatz war dabei, vor allem Daniel Möglichkeiten zu geben, sich vom Gruppengeschehen zurückzuziehen und eigene Interessen zu verfolgen (z.B. Musik hören). Sonja hingegen war meist durchaus bereit, am vorbereiteten Programm im Rahmen ihrer Möglichkeiten teilzunehmen.

In Absprache mit der Kirchengemeinde konnten wir das Gemeindehaus nutzen, allerdings musste der Raum anschließend wieder geräumt werden, so dass wir leider keine dauerhaften Nischen zum Rückzug (z.B. Sofa, Kuschelecken) schaffen konnten. Da die im unteren Stockwerk liegenden Jugendräume nur über steile Treppen zu erreichen sind wird es wohl auch in Zukunft bei dieser Lösung bleiben. Deswegen ist die Frage zu stellen, ob unter diesen Umständen eine wirkliche Integration in den Jugendgruppenalltag der KJG möglich ist oder ob wir immer die Gruppe der Körperbehindertenschule bleiben, die sich im Gemeindehaus trifft.

Ein möglicher in der Planung auch schon angelegter Lösungsweg war die Kooperation mit einer Gruppe nichtbehinderter Mädchen, den „Wühlmäusen“.

 

5.2 Begegnungen  mit den „Wühlmäusen“

„Machen wir heut was mit der anderen Gruppe“, fragt mich Kerstin häufig vor unseren Treffen.

Auf das Angebot der Gruppenleiter der „Wühlmäuse“ hin und weil mit diesem Projekt auch eine gesellschaftliche Integration angebahnt bzw. erreicht werden soll, wurden zunächst sporadische Treffen mit dieser Gruppe organisiert.

Zu Beginn standen Gespräche innerhalb der Gruppe im Vordergrund, ob auch von den einzelnen Gruppenmitgliedern eine solche Kooperation vorstellbar sei. Die 14 Mädchen der Gruppe der „Wühlmäuse“ zeigten sich sehr interessiert und offen. Innerhalb der Gruppe der Schüler der Bodelschwingh-Schule war dabei zunächst eher Skepsis zu spüren die in den ersten Treffen auch bestätigt wurde. Natalie und Janina zeigten sich sehr ablehnend und wollten die bisherigen separaten Treffen beibehalten. Daniel stand diesem Vorschlag eher neutral gegenüber und zog sich dann auch schnell bei gemeinsamen Aktivitäten zurück. Kerstin, die sehr offen und neugierig ist, und einzelne Gruppenmitglieder der „Wühlmäuse“ auch schon kannte, war von vorne herein begeistert. Und auch Sonja zeigte sich bei ersten Treffen mit den „Wühlmäusen“ interessiert, da sie, wie die Mutter bestätigt, gerne viele Menschen um sich hat und aus dieser Position beobachtende Stellung einnimmt.

Um den „Gruppenfindungsprozess“ der einzelnen Gruppen nicht zu stören bzw. damit die einzelnen Gruppen trotzdem ihren jeweiligen Interessen nachgehen konnten, einigte ich mich mit der Leiterin der „Wühlmäuse“ darauf, zunächst sporadische Treffen am Ende der jeweiligen Gruppenstunde zu planen, bei der wir gemeinsam ein Spiel spielten, welches dann abwechselnd von den einzelnen Gruppen vorbereitet wurde.

Beide Gruppen hatten an den Spielen sichtlich Spaß. Der Eindruck, der für mich durch diese sehr kurzen Begegnungen allerdings entstand, war eher der eines Nebeneinanders. Auch ich lernte die Mitglieder der anderen Gruppe nicht richtig kennen und vor allem Daniel zog sich bei diesen Treffen immer sehr schnell zurück. Außerdem war es häufig ein Problem, dass die Spiele, die zum Ende gerne gespielt wurden und kurze Zeit in Anspruch nahmen, für meine Gruppe nur teilweise zu leisten waren (z.B. Schnelligkeits- und Geschicklichkeitsspiele).

Eine von mir daraus gezogene Konsequenz war, diese Treffen evtl. seltener, aber intensiver zu gestalten.

Eine Äußerung Janinas, dass sie die anderen alle gar nicht kenne, veranlasste mich, dies auch innerhalb der Gruppe zum Thema zu machen und wir überlegten gemeinsam, welche Aktivitäten wir zusammen mit der anderen Gruppe machen könnten.

Das kommende Weihnachtsfest nahmen wir dafür zum Anlass die Gruppe der „Wühlmäuse“ zum gemeinsamen Plätzchenbacken einzuladen

Im Ergebnis lernten sich die Gruppenmitglieder wechselseitig besser kennen. Die Mädchen der „Wühlmäuse“ trauten sich Fragen zu stellen. So war, um an dieser Stelle nur ein Beispiel zu nennen, Daniels Kommunikationsgerät ein Anlass mit ihm in Kontakt zu treten und sicherlich werden diesem ersten (längeren) Treffen noch weitere folgen.

 

6. Kritisches Resümee

Im Rahmen dieser Dokumentation habe ich versucht, wie der Aufbau einer Freizeitgruppe für behinderte und nichtbehinderte Kinder im Umfeld ihres Wohnortes und ihrer Schule aussehen könnte. Innerhalb des bisherigen Arbeitens im Handlungsfeld ging es mir darum, zumindest die äußeren Bedingungen zu schaffen, damit einige Schüler der Bodelschwingh-Schule in Ulm die Möglichkeit bekommen, für nichtbehinderte Menschen offen stehende Freizeitbereiche ebenfalls zu nutzen. Die Wege, die ich gefunden habe, damit eine Angliederung in einen bereits bestehenden Freizeitbereichmöglich wurde, setzte die Offenheit der Kooperationspartner für mein Vorhaben voraus.

Seit wir uns innerhalb der Gruppe nun regelmäßig treffen, sind sowohl die Kontaktpersonen innerhalb der Kirchengemeinde, in diesem speziellen Fall v.a die Gruppenleiter der „Wühlmäuse“, der Hausmeister, zuständig für die Belange des Gemeindhauses, und die Sekretärin der Gemeinde, die die Belegungspläne koordiniert, als auch Frau B. aus der Seelsoregestelle, mit der ich mich regelmäßig austausche, zu wichtigen Partnern geworden.

Wie gesagt, die äußeren Bedingungen sind geschaffen, allerdings ist mir durchaus bewusst, dass es bis zu einer wirklichen Integration auf gesellschaftlicher Ebene noch ein langer Weg ist. Nächstes Ziel innerhalb der Arbeit mit den Kindern der Freizeitgruppe wird sein, die Gruppe im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Interessen, mehr und mehr in die Aktivitäten der Kirchengemeinde mit einzubeziehen. In einem ersten, in der Dokumentation aufgezeigten Schritt, wird dies die vermehrte Zusammenarbeit mit der Gruppe der „Wühlmäuse“ und deren Gruppenleiter bedeuten.

Eine wichtige Voraussetzung, um dieses Ziel zu erreichen ist allerdings, dass diese Gruppe auch langfristig weitergeführt wird! Dies setzt die Beantwortung einer konkreten Frage voraus: Kann und muss es Aufgabe der Schule sein, in welcher Form auch immer, Freizeitbereiche außerhalb der Schulmauern zu erschließen und zu erhalten?

 

Literatur

Bügler, M.; Brand, K-M.: Von „Krullemuck“ bis Mimikrii“… Gemeinsames Erleben im leistungsfreien Raum – Das neue Arbeitsfeld „Integrative Spiel- und Kulturpädagogik“. In.: Markowetz, R.; Cloerkes, G. (Hrsg.): Freizeit im Leben behinderter Menschen. Theoretische Grundlagen und sozialintegrative Praxis. Heidelberg 2000. S. 241-245.

Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e.V.: „Wir wollen überall dabei sein!“ Menschen mit geistiger Behinderung in ihrer Freizeit. Marburg 1998.

Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e.V.: Grundsatzprogramm der Lebenshilfe. Marburg 1991.

KJG - Strukturen, http://www.kjg.de/werwirsind/strukturen.htm/, 23.11.2004.

Klein, G., Nestle, W.: Schaubild Stufen der Planung und Durchführung von Begegnungsmaßnahmen. In: http:// www.oberschulamt-stuttgart.de/ghrs/la_koop/schaubild-beg-massnahme.pdf, 30.11.2004.

Markowetz, R.: Freizeit von Menschen mit Behinderung. In.: Markowetz, R.; Cloerkes, G. (Hrsg.): Freizeit im Leben behinderter Menschen. Theoretische Grundlagen und sozialintegrative Praxis. Heidelberg 2000. S. 9-38.

Markowetz, R.: Konturen einer integrativen Pädagogik und Didaktik der Freizeit.

In..: Markowetz, R.; Cloerkes, G. (Hrsg.): Freizeit im Leben behinderter Menschen. Theoretische Grundlagen und sozialintegrative Praxis. Heidelberg 2000b. S. 39-66.

Markowetz, R.: Soziale Integration Behinderter Kinder und Jugendlicher in wohnortnahe Vereine. In.: Markowetz, R.; Cloerkes, G. (Hrsg.): Freizeit im Leben behinderter Menschen. Theoretische Grundlagen und sozialintegrative Praxis. Heidelberg 2000c. S. 81-105.

Leitlinien zur schulischen Förderung. Kinder und Jugendliche mit einer Körperbehinderung. Mit den einzelnen OSÄ abgestimmten Fassung. Stand Frühjahr 2004.

Opaschewski, H.W.: Pädagogik der freien Lebenszeit. Opladen 1996.

Schulkonzept der Friedrich-von-Bodelschwingh-Schule in Ulm. Ulm 2004.